Wiener Neustadt: Geschichte
=== Die Stadtgründung ===
Wiener Neustadt gehört zu jenen Städten, die bereits als Stadt gegründet und in ihrer Anlage geplant wurden. Errichtet wurde die Stadt im Steinfeld, dem südlichsten Teil des Wiener Beckens, einem Gebiet, das mit Blick auf seine natürlichen Gegebenheiten für die natürliche Entstehung einer mittelalterlichen Ansiedelung kein idealer Ort war.
Die Stadtgründung hatte politisch-strategische Gründe. Durch die Georgenberger Handfeste (17. August 1186) war das Herzogtum Steiermark mit der Grafschaft Pitten nach dem Aussterben der Traungauer (Ottokare) im Jahr 1192 an die Babenberger (Luitpoldinger) gefallen, die über das benachbarte Herzogtum Österreich herrschten und mit der Errichtung einer befestigten Stadt die gemeinsame Grenze der beiden Herzogtümer gegen das ungarische Königreich zu sichern trachteten. Das Lösegeld, das Herzog Leopold V. für den englischen König Richard Löwenherz erhalten hatte, brachte das notwendige Kapital, um die Neustadt (Nova Civitas) zu bauen. Der Namenszusatz „Wiener“ setzte sich zur besseren Unterscheidung erst im 17. Jahrhundert durch. Der Beschluss zur Stadtgründung wurde in Fischau im Spätsommer oder Herbst 1194 gefasst.
Das Gründungsdatum lässt sich über Dokumente auf die Jahre 1192 bis 1194 eingrenzen. Die archäoastronomische Untersuchung der Orientierung der Längsachse des Domes (Pfarrkirche) zeigt eine Ausrichtung genau auf den Sonnenaufgang zu Pfingsten 1192. Die Diagonale der alten Stadt (zwischen SW und SO-Turm) verläuft parallel dazu. Bis in den Nationalsozialismus war 1192 das akzeptierte Bezugsjahr für Stadtjubiläen. Aus politischen Überlegungen wurde vom Stadtarchivar im Jahre 1942 das Gründungsjahr 1194 favorisiert, was in der Nachkriegszeit beibehalten wurde. Heute ist es Konsens, dass 1192 das Gründungsjahr ist. Gesichert ist, dass nach Leopolds plötzlichem Tod die Errichtung der Stadt unter seinem Sohn und Nachfolger Herzog Leopold VI. im Jahr 1195 bereits begonnen hatte.
Die damalige Anlage lehnte sich an die Form eines römischen Lagers an. Der Grundriss der Stadt entsprach einem Rechteck mit einer Seitenlänge von 620 m an der Südseite und 685 m an der Westseite. Das Stadtgebiet wurde von vier Hauptstraßen, die nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet waren und zu den Stadttoren führten, in Viertel unterteilt. Für das Zentrum war ein Platz als Markt in einer Ausdehnung von 180 × 80 m vorgesehen, im nordwestlichen Viertel wurde ein weiterer Platz als Standort der Pfarrkirche und des Friedhofs geplant. Die Stadt wurde durch eine 5 m hohe und 1 m starke aus Stein gefügte Stadtmauer umgeben, die an den Ecken durch massive Ecktürme verstärkt war; die vier Stadttore wurden zusätzlich durch Türme gesichert. Die Stadtmauern wurden von einem Graben umgeben, der durch örtliche Bäche und vor allem durch den Kehrbach gespeist wurde.
Der neugegründeten Stadt wurden wichtige Privilegien erteilt, sie erhielt die volle Gerichtsbarkeit und das Marktrecht. Spätestens unter Herzog Friedrich dem Streitbaren wurde außerdem die landesfürstliche Münzstätte von Fischau in die Neustadt verlegt. Auch für Wiener Neustadt galt Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag. …