Landkreis Grafschaft Bentheim: Geschichte
Der Landkreis wurde mit Inkrafttreten der Kreisordnung der preußischen Provinz Hannover am 1. April 1885 gegründet. Er entstand aus den damaligen Ämtern Bentheim und Neuenhaus.
Urgeschichtlich zeugen zahlreiche Hügelgrabanlagen auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Grafschaft Bentheim von der früheren Besiedlung der Gebiete, so z. B. die Hügelgräberheide Halle-Hesingen oder das Gräberfeld am Spöllberg. Bei jüngeren Funden in der Obergrafschaft wurden Werkzeuge entdeckt, die rund 40.000 Jahre alt sind und von Neandertalern stammen sollen.
1050 wurden Ortsnamen des Bentheimer Landes erstmals urkundlich erwähnt.
Schüttorf ist die älteste Stadt des heutigen Landkreises. Graf Egbert verlieh der Stadt 1295 die Stadtrechte. Im 14. Jahrhundert folgten weitere Stadterhebungen: 1369 Neuenhaus und 1379 Nordhorn (heute Kreisstadt). Neben der heute noch erhaltenen Burg Bentheim waren die Burg Altena in Schüttorf und die Burg zu Lage als militärische Verteidigungsanlagen von Bedeutung.
Im 13. und 14. Jahrhundert wurde die Grafschaft Bentheim mehr und mehr zum Bindeglied des Hansehandels zwischen westfälischen Städten wie Münster und den niederländischen Städten, die auf dem Gebiet der heutigen Provinz Overijssel liegen. Wichtige Handelswege führten sowohl per Pferd und Wagen über Grafschafter Straßen (z. B. Flämische Straße) als auch per Schiff über die Vechte. Die Bauart der Boote, sogenannte Zompen, war an den in den Sommermonaten niedrigen Wasserstand angepasst. Über die Vechte wurde hauptsächlich Bentheimer Sandstein nach Zwolle transportiert.
Die Niedergrafschaft blieb durch die schwer zugänglichen Moorgebiete lange Zeit unterentwickelt. Im 17. Jahrhundert entstanden die ersten Kolonistensiedlungen. Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren daher auch in der Grafschaft die Hollandgänger verbreitet, zahlreiche Wanderrouten führten durch Grafschafter Gemeinden wie u. a. durch Uelsen. Weitere Versuche, die Moorgebiete infrastrukturell zu erschließen, organisierten die Nationalsozialisten in Form des Reichsarbeitsdienstes, der 1938 Strafgefangenenlager im Moor errichtete. Bekannte Namen sind Bathorn (Hoogstede), Alexisdorf (Neugnadenfeld) und Wietmarschen (Füchtenfeld), die zur Gruppe der Emslandlager gehörten.
Seit dem 19. Jahrhundert trat Nordhorn als eine der größten Städte der Textilindustrie in Deutschland in Erscheinung. 1839 gilt als Gründungsjahr der Nordhorner Textilindustrie. An der Handelsstraße entstand die erste mechanische Schnellweberei durch Willem Stroink aus Enschede. Hier wurde Baumwolle verarbeitet, Kattun und Watertwist gewebt. Weitere Betriebe gründeten 1864 Jan van Delden und 1851 Josef Povel und Hermann Kistemaker. Die Textilherstellung wurde zum Schrittmacher für die darniederliegende Wirtschaft, der Fortschritt hielt mit zunehmender Industrialisierung Einzug. Zu den größten Unternehmen zählten Rawe, Povel und NINO; in der Wirtschaftswunder-Zeit arbeiteten rund 14000 Menschen in den Textilfabriken. Auch in anderen Orten der Grafschaft, insbesondere in Schüttorf, erfuhr die Textilindustrie ein starkes Wachstum. Mit Beginn der Ölkrise 1973 und der hieran anschließenden gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen begann der schleichende Niedergang der Grafschafter Textilindustrie: In dem auch durch die Globalisierung ausgelösten Strukturwandel konnte die heimische Textilindustrie nur schwer bestehen. Eine Vielzahl der damaligen Unternehmen existiert nicht mehr, die verbliebenen haben die Produktion oftmals ins Ausland verlagert. …